HELMUT-M.-BRAEM-ÜBERSETZERPREIS

Am 8. März 1977 bringt das Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel folgende Notiz: Die deutschen Übersetzer planen einen Literaturpreis, der dem Andenken von Helmut M. Braem gewidmet ist. … Erstmals verliehen wurde der Preis dann 1978 beim 11. „Esslinger Gespräch“, das inzwischen jedoch längst nicht mehr in Esslingen, sondern in Bergneustadt stattfand.

Ausgeschrieben war der Preis für „eine deutsche Prosa-Übersetzung, die als besonders herausragende Vermittlungsleistung gelten kann“. Die Preissumme betrug 10.000.- DM, die Hälfte hatte der Verlegerausschuß des Börsenvereins übernommen, die andere Hälfte kam vom Freundeskreis – eine Praxis, die glücklicherweise bis heute die Verleihung dieses Preises alle zwei Jahre ermöglicht.

Inzwischen haben wir den Helmut.-M.-Braem-Übersetzerpreis schon sechzehn Mal verliehen, die Preissumme hat sich im Lauf der Zeit auf 12.000 Euro erhöht.

Die Jury setzt sich seit 2007 wie folgt zusammen:

Hans-Jürgen Balmes
Regine Elsässer
Bärbel Flad
Dr. Susanne Lange
Dr. Wolfgang Matz

 

Die bisherigen Preisträger des Helmut-M.-Braem-Übersetzerpreises:

2010 Vera Bischitzky für ihr Lebenswerk,
insbesondere für: Nikolai Gogol, Tote Seelen

2008 Michal Walter für:
Lewis Carroll, Sylvie und Bruno
Laudatio: Joachim Kalka

2006 Manfred Allié für:
Patrick Leigh Fermor, Die Zeit der Gaben
Laudatio: Tilman Spreckelsen

2004 Helga van Beuningen für:
A.F.Th. van der Heijden, Die zahnlose Zeit
Laudatio: A.F.Th. van der Heijden

2002 Maria Carlsson für:
John Updike, Gertrude und Claudius
Laudatio: Hans Georg Heepe

2000 Marcus Ingendaay für:
William Gaddis, Die Fälschung der Welt
Laudatio: Denis Scheck

1998 Maralde Meyer-Minnemann für:
António Lobo Antunes, Das Handbuch der Inquisitoren
Laudatio: Hans Altenhein

1996 Dieter E.Zimmer für:
Vladimir Nabokov, Das wahre Leben des Sebastian Knight
Laudatio: Paul Ingendaay

1994 Susanne Lange für:
Fernando del Pasos, Palinurus von Mexiko
Laudatio: Fritz Rudolf Fries

1992 Verena Reichel für:
Lars Gustafsson, Nachmittag eines Fliesenlegers
Laudatio: Helmut Frielinghaus

1990 Karin Graf für:
James Agee, Preisen will ich die großen Männer
Laudatio: Sibylle Cramer

1988 Wilfried Böhringer für:
Cabrera Infante, Drei traurige Tiger
Laudatio: Walter Boehlich

1986 Karin Kersten für:
Djuna Barnes, Ladies Almanach
Laudatio: Kyra Stromberg

1984 Toni Kienlechner für:
Carlo Emilio Gadda, Die grässliche Bescherung in der via Merulana
Laudatio: Burkhart Kroeber

1982 Eva Moldenhauer für:
Claude Lévi-Strauss, Traurige Tropen
Laudatio: Helmut Scheffel

1980 Peter Urban für:
Anton Cechov, Briefe
Laudatio: Walter Boehlich

1978 Traugott König für:
Jean Paul Sartre, Der Idiot der Familie
Laudatio: Hanns Grössel

 

Zur Person: Helmut M. Braem

hmb, wie Braems Journalistenkürzel lautete, kam am 15. Dezember 1922 in Hannover zur Welt und starb am 24. Februar 1977 in Schwäbisch Hall. Nach dem Abitur fing er zunächst eine Schauspielausbildung an, diente dann im Krieg bei der Marine galt eine Zeitlang als Deutschlands jüngster U-Boot-Kommandant und kam zweimal wegen „Wehrkraftzersetzung“ ins Gefängnis. Nach dem Krieg studierte Anglistik und Germanistik und versuchte sich in verschiedenen Städten als Schauspieler, Artist, Regisseur, bis er schließlich in Stuttgart 1953 den risikoreichen Weg eines freien Schriftstellers (Autor u.a. von Monographien über Eugene O’Neill und Edward Albee) Journalisten und vor allem Literaturübersetzers einschlug. So hat er (oft in Zusammenarbeit mit seiner Frau Elisabeth Kaiser, ebenfalls Journalistin und Literaturkritikerin) u.a. Werke von Henry James, George Orwell, William Saroyan, William Carlos Williams, John Dos Passos und vor allem William Faulkner ins Deutsche gebracht.

Von 1964 bis 1976 war hmb Vorsitzender des VdÜ (Verband deutschsprachiger Literaturübersetzer) und lange Jahre Präsidiumsmitglied des bundesdeutschen P.E.N.-Zentrums. Als Vorstandsmitglied des VS (Verband deutscher Schriftsteller) integrierte er den VdÜ als Bundessparte in den Schriftstellerverband und führte diesen 1973 mit anderen in die Gewerkschaft Druck und Papier (heute: ver.di).

1966 gründete hmb die Zeitschrift Der Übersetzer (heute: Übersetzen), 1967 organisierte er die erste Jahrestagung der Literaturübersetzer, das Esslinger Gespräch (heute: Jahrestagung der Literaturübersetzer in Wolfenbüttel). 1979 erschienen (posthum) bei dtv die Esslinger Gespräche – die gesammelten Werkstattberichte aus 10 Jahren, an denen u.a. Maria Bamberg, Klaus Birkenhauer, Ragni Maria Gschwend, Helmut Scheffel, Rosemarie Tietze und Elmar Tophoven mitgearbeitet haben.

Helmut M. Braem empfand sich in erster Linie als Förderer und Vermittler von Literatur und versuchte, auch dem Übersetzerstand Ansehen und Publizität zu verschaffen. 1967 rief er die sogenannten „Esslinger Gespräche“ ins Leben, bis heute – die wichtigste, alljährlich stattfindende Tagung von Literaturübersetzern in Deutschland mit Referaten, Werkstattarbeit und Diskussionen, die vor allem dem kollegialen Austausch der Übersetzer untereinander dient.

Unter Braems Ägide wurde das Selbstbewußtsein der Übersetzer gestärkt, aber auch der eigene Anspruch an die Qualität erhöht und eine Professionalisierung des Übersetzens angestrebt, die mit lebenslangem Lernen. einhergehen muß Die Ausbildung des Literaturübersetzers, heißt es in einem 1966 von Braem formulierten „Berufsbild“, ist die eines ewigen Studenten: sie endet erst mit dem Tode. Und wie der ewige Student weiß er als ewig Lernender auch niemals, wie er bei seinem ewigen Studium noch nebenbei Geld verdienen soll.

Um hier eine Hilfe zu schaffen, überzeugte Braem Institutionen wie das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden Württemberg von der Notwendigkeit einer nachhaltigen Übersetzerförderung, und man kann dem Land Baden Württemberg gar nicht genug danken, dass es bis zum heutigen Tag Stipendien für Literaturübersetzer vergibt und einen Übersetzerpreis mitfinanziert (worin ihm bisher nur wenige andere Bundesländer gefolgt sind).

 



CHRISTOPH-MARTIN-WIELAND-Übersetzerpreis

Schon bald nach der Ausschreibung des ersten Helmut-M.-Braem-Übersetzerpreises regte sich eine gewisse Unzufriedenheit darüber, daß nur Übersetzungen belletristischer Prosa prämiert werden sollten. Daher beschloß der FREUNDESKREIS auf seiner Vorstandssitzung vom 21. Februar 1979, mit Hilfe des Landes Baden-Württemberg alternativ dazu einen weiteren großen Übersetzerpreis in Höhe von DM 10.000 zu vergeben, und zwar ebenfalls „alle zwei Jahre für ein gewichtiges Übersetzungswerk (Einzel- oder Gesamtwerk), umschichtig für die Gebiete Lyrik, Drama und Essay, ungeteilt und für Bewerber aus dem ganzen Bundesgebiet. Vergabe soll im Land geschehen, möglichst unter Berücksichtigung einer Stadt in Oberschwaben“.

Als Namensgeber entschied man sich am 2. April 1979 für einen Klassiker unter den deutschen Schriftstellern und Literaturübersetzern, für Christoph Martin Wieland, von dem Goethe 1813 in einer Gedenkrede gesagt hatte: „Niemand hat vielleicht so innig empfunden, welch verwickeltes Geschäft eine Übersetzung sei, als er.“

Nach der ersten Preisverleihung 1979 hatte auch die zehnte 1997 wieder in Biberach stattgefunden, und zwar im Beisein des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog – Höhepunkt für die ganze Zunft der Literaturübersetzer, die dadurch auch von politischer Seite eine gewisse moralische Unterstützung, ja eine Art Nobilitierung erfuhr.

„Inzwischen werden auf dem deutschen Buchmarkt allein in der Belletristik zur Hälfte Bücher aufgelegt, die aus anderen Sprachen übersetzt sind. Schlechte Übersetzungen sollten wir uns dabei nicht leisten. Damit wird nicht nur dem fremden Text Unrecht getan und der Autor gleichsam verraten. Auch unsere eigene Sprache wird dadurch auf Dauer verdorben. Um so mehr ist die beharrliche, gewissenhafte Arbeit der guten und genauen Übersetzer zu loben. Dabei ist das Paradox unvermeidlich, daß ihre Arbeit, je besser sie ist, umso weniger auffällt. Deswegen ist es gut, daß es Preise wie den Wieland-Übersetzerpreis gibt, die ausdrücklich auf exzellente Leistungen und möglicherweise verborgene Meisterwerke aufmerksam machen.“

Bundespräsident Roman Herzog bei seiner Preisrede
zur 10. Verleihung des Wieland-Übersetzerpreises
an die Übersetzerin Christa Schuenke
im November 1997 in Biberach.

Inzwischen sind fünfzehn Preisverleihungen ins Land gegangen, für wechselnde literarische Gattungen (wobei es mit der Zeit natürlich zu Wiederholungen kam) und zunächst auch an verschiedenen baden-württembergischen Orten, bis sich die Stadt Biberach 2001darum bewarb, die Vergabe des nach dem großen Sohn ihrer Stadt benannten Preises permanent auszurichten. Die Preissumme liegt inzwischen bei 12.000 Euro.

Die Jury setzt sich seit 2007 wie folgt zusammen:

Sibylle Cramer
Jürgen Dormagen
Prof. Dr. Hartwin Gromes
Renate Orth-Guttmann
Helga Pfetsch

 

Die bisherigen Preisträger des Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreises:

2009 (Lyrik) Dr. Gisela Kraft für:
Nâzim Hikmet, Die Namen der Sehnsucht
Laudatio: Dr. Stefan Reichmuth

2007 (Phantastischer Roman) Dorothea Trottenberg für:
Vladimir Sorokin, Der himmelblaue Speck
Laudatio: Schamma Schahadat

2005 (Biographie) Petra Willim für:
Bernard-Henry Lévy: Sartre. Der Philosoph des 20. Jahrhunderts
Laudatio: Bernd Schwibs

2003 (Kriminalroman) Anke Caroline Burger für:
William Marshall: Manila Bay
Laudatio: Gerd Burger

2001 (Bühnenstück) Frank Günther für:
Shakespeare: Verlorene Liebesmüh
Laudatio: Manfred Pfister

1999 (Briefe, Memoiren, Tagebücher) Maja Pflug für:
Cesare Pavese, Handwerk des Lebens, und Pier Paolo Pasolini, Briefe
Laudatio: Helmut Frielinghaus

1997 (Neuübersetzung eines Klassikers) Christa Schuenke für:
Shakespeare: Sonette
Laudatio: Fritz Senn

1995 {Historischer Roman) Berthold Zilly für:
Euclidas da Cunha, Krieg im Sertão
Laudatio: Robert Menasse

1993 (Jugendbuch) Birgitta Kicherer für:
Peter Pohl, Jan, mein Freund und Nennen wir ihn Anna
Laudatio: Friedbert Stohner

1991 (Sachbuch, Zeitgeschichte) Holger Fliessbach für:
Peter Gay, Die zarte Leidenschaft
Laudatio: Ernst-Peter Wieckenberg

1989 (Kriminalroman) Renate Orth-Guttmann für:
Barbara Vine, Die im Dunkeln sieht man doch
Laudatio: Uwe Wittstock

1987 (Essay) Gerd Henniger für:
Roger Caillois, Steine, und Henri Michaux, Mescalin
Laudatio: Hanns Grössel

1985 (Lyrik) Karl Dedecius für:
Tadeucz Rózewicz, Gedichte
Laudatio: Harald Hartung

1983 (Hörspiel) Klaus Reichert für:
John Cage, Joyce, Duchamp, Satie: Ein Alphabet
Laudatio: Klaus Schöning

1981 (Bühnenstück) Heinz Riedt für:
Ruzante, Die Paduanerin
Laudatio: Fritz Vogelgsang

1979 (Lyrik) Fritz Vogelgsang für:
Octavio Paz, Gedichte
Laudatio: Helmut Frielinghaus

 

Zur Sache: Roman Herzog

Preisrede zur 10. Verleihung des Wieland-Übersetzerpreises am 18. November 1997 in Biberach an die Übersetzerin Christa Schuenke.

Meine Damen und Herren,
ich freue mich, daß ich heute bei Ihnen bin. Aus mehreren Gründen bin ich gerne mit Übersetzern zusammen: Zum einen gibt es wenig intellektuelle Arbeit, die mir mehr Achtung abverlangt als das literarische Übersetzen. Texte sind ja mehr als die Addition von Wörtern. Hinter jedem stehen eine ganze Kultur, eine ganze Geschichte, die gesamten Erfahrungen einer Sprachgemeinschaft. Zum anderen aber möchte ich meine Bekanntheit als Bundespräsident einsetzen, um für einen in der Öffentlichkeit immer noch zu wenig beachteten Berufsstand Werbung zu machen. Sie haben es verdient.

Als ich vor einigen Monaten im Europäischen Übersetzerkolleg in Straelen war, lernte ich, mir ein noch besseres Bild von Ihrem Beruf zu machen. Ich war und bin beeindruckt von dem Engagement, das Sie für Ihre Sache zeigen - und ich bin noch mehr davon beeindruckt, wenn ich mir die Schwierigkeiten, ja die Entbehrungen vor Augen halte, die Sie auf sich nehmen.

Übersetzen hat viele Motive: beispielsweise die Neugier, die Leidenschaft für das Fremde und die Herausforderung, das eigentlich Unmögliche möglich zu machen. Im Innersten aber liegt dem Übersetzen auch so etwas wie ein moralischer Impuls zugrunde: Man möchte sich das Fremde vertraut machen. Man will das Fremde verstehen können.

Die Grundfrage allen Übersetzens - die Frage, die sich jeder stellt, der diesem entsagungsvollen Beruf nachgeht - ist wohl: Können wir einander verstehen? Jede Art von Übersetzer-Arbeit ist der Versuch, diese Frage mit Ja zu beantworten. Damit wird zugleich die doppelte Bedeutung des Wortes "Übersetzung" klar: Übersetzen ist einerseits ein Handwerk, und zwar ein schwieriges, das langer Übung bedarf; andererseits antwortet es aber auf eine intellektuelle und ethische Herausforderung. Wer übersetzt, leistet Verständigungsarbeit. Das ist die humane Botschaft des Übersetzerberufs: Nichts, kein Gedanke, keine Grammatik, keine Tradition, keine Erfahrung, in welcher Sprache auch immer sie sich ausdrücken, muß uns letztlich fremd bleiben.

Daß man mit einem der wichtigsten Berufe, die unser Geistesleben kennt, seinen Lebensunterhalt in der Regel nicht bestreiten kann, ist im Grunde skandalös. Die prekäre finanzielle Situation, in der die allermeisten von Ihnen leben, kann einen nur traurig stimmen. Wahrscheinlich gibt es im gesamten kulturellen Leben kaum einen Beruf, der sich so unterbezahlt vorkommen muß. Sie wissen und akzeptieren wohl auch, daß ich Ihnen dabei nicht direkt helfen kann. Es ist aber meine Absicht, sowohl durch meinen Besuch damals in Straelen als auch durch meine Anwesenheit heute, die große und wichtige kulturelle Leistung der Übersetzer ins Licht der Öffentlichkeit zu setzen - und den unzureichenden Lohn, den Sie dafür bekommen. Hier stehen das Verdienst und der "Verdienst", den Sie dafür erhalten, in keinem gerechten Verhältnis zueinander.

Umso mehr freue ich mich, daß es wenigstens einige Anzeichen einer leichten Besserung gibt. Ich denke hier natürlich an die gerade bekanntgegebene Gründung des Deutschen Übersetzerfonds. Immerhin gibt es dadurch eine kompetente Stelle, durch die gezielt Projekte gefördert oder geleistete Arbeiten prämiiert werden können. Außerdem hoffe ich, daß durch seine Gründung auch ein Stück öffentliche Wirksamkeit erzielt wird.

Niemand ist heute für den so dringend erforderlichen interkulturellen Dialog geeigneter als jemand, der es gelernt hat, in anderen Sprachen zuhause zu sein. (Dazu gehören übrigens auch die fälschlicherweise so genannten "toten" Sprachen.) Interkultureller Dialog bedeutet ja nicht, sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu einigen oder, um bei unserem Thema zu bleiben, sich auf eine möglichst einfache lingua franca zu einigen. Mehr denn je müssen wir uns alle in anderen Sprachen bewegen.

Da wir das selber nicht für jede Sprache leisten können, sind wir auf gute und verläßliche Übersetzer angewiesen. Inzwischen werden auf dem deutschen Buchmarkt allein in der Belletristik zur Hälfte Bücher aufgelegt, die aus anderen Sprachen übersetzt sind. Schlechte Übersetzungen sollten wir uns dabei nicht leisten, jedenfalls nicht auf Dauer. Damit wird nicht nur dem fremden Text Unrecht getan und der Autor gleichsam verraten. Auch unsere eigene Sprache wird dadurch auf die Dauer verdorben.

Umso mehr ist die beharrliche, gewissenhafte Arbeit der guten und genauen Übersetzer zu loben. Dabei ist das Paradox unvermeidlich, daß Ihre Arbeit, je besser sie ist, umso weniger auffällt. Deswegen ist es gut, daß es Preise wie den Wieland-Übersetzerpreis gibt, die ausdrücklich auf exzellente Leistungen und möglicherweise verborgene Meisterwerke aufmerksam machen.

Der besondere Reiz dieses Preises, der ja für die Übersetzung eines klassischen Werkes verliehen wird, besteht darin, daß gleichsam eine doppelte Übersetzung ausgezeichnet wird. Hier wird nicht nur eine andere Kultur in unsere eigene Sprache übersetzt, sondern auch eine andere Zeit ins Heute geholt.

Ich freue mich, daß mit dem Werk von Frau Schuenke heute eine Übersetzung aus dem Werk Shakespeares gewürdigt wird. Damit wird an die große Tradition der deutschen Shakespeare-Übersetzungen erinnert, auf die wir alle sehr stolz sein können. Ich gratuliere Ihnen, Frau Schuenke, herzlich zu diesem Preis.

Zu solchen Preisen gehört es auch, daß sie angemessen dotiert sind. Deswegen danke ich dem Land Baden-Württemberg, daß es, trotz der bekannten Lage der öffentlichen Finanzen, die Preissumme aufgestockt hat. Das ist zwar ein kleines, aber wichtiges Zeichen.

Ich habe oben kurz angedeutet, wie sehr durch schlechte Übersetzungen auch die eigene Sprache lädiert werden kann. Wie andererseits durch eine gute Übersetzung die eigene Sprache bereichert wird, zeigt für uns in Deutschland bis heute das klassische Beispiel der Bibelübersetzung Martin Luthers. Er hat uns in seinem "Sendbrief vom Dolmetschen" auch sein Erfolgsgeheimnis hinterlassen: "Denn man muß nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprachen fragen, wie man soll Deutsch reden, wie diese Esel tun, sondern man muß die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, den gemeinen Mann auf dem Markt darum fragen und denselbigen aufs Maul sehen, wie sie reden, und danach dolmetschen. So verstehen sie es denn und merken, daß man Deutsch mit ihnen redet."

Beides ist also wichtig: Radikale Selbstvergessenheit - um ganz in das andere Denken eintauchen zu können - und radikales Selbstbewußtsein - um der eigenen Sprache das Andere ganz anverwandeln zu können.

Am Ende der Arbeit, als Ergebnis oft mühevollen Versuchens, als Summe großen Fleißes in vielen einsamen Stunden, steht eine Botschaft von großer menschlicher Bedeutung - eine Botschaft, an der Sie, die Übersetzer, tagtäglich arbeiten: Wir Menschen können einander verstehen. Über alle Grenzen, auch über alle Zeiten hinweg.

Für diese Arbeit danke ich Ihnen allen.